2012
05.31

Der Mai ist ein spannender Monat für alle Tierfotografen. Endlich ist es auch für den nicht so hart gesottenen Hobbyfotografen warm genug, um durch die Natur zu streifen und Hundebesitzer können wieder stundenlange Spaziergänge machen, ohne sich die Finger abzufrieren, wenn sie dabei noch eine Kamera dabei haben. Das Mittel der Wahl für die meisten Fotografen ist dabei ein Teleobjektiv irgendwo im Bereich zwischen 70 und 800mm Brennweite. Je nachdem, wonach man strebt, gibt es in diesem Bereich alles – von günstigen Einsteigerzoomobjektiven mit 70-300mm für rund 120€ bis hin zu Superteleobjektiven mit 800mm Brennweite und eigenem Rollkoffer für 14.000€. Auch ich habe mich lange mit solchen Fragen beschäftigt, wie: Wieviel Brennweite braucht man für das bisschen Tierfotografie, das man betreibt? Wieviel kann man noch durch das richtige Verhalten herausholen oder braucht es doch eine längere Brennweite? Wie lichtstark muss es sein? Und nicht zuletzt: Wieviel bin ich bereit, dafür auszugeben? Der Preis steigt bei den größeren Brennweiten mit jeder Blende zusätzlicher Lichtstärke gern mal um tausende Euro.

Mittlerweile bin ich, nachdem mich für einige Jahre das Canon EF 70-300mm IS USM begleitet hat, beim Canon EF 200mm f2.8 L gelandet. Dies war zu einer Zeit, als ich feststellte, dass ich meine Zoomobjektive fast immer nur am Anschlag verwendete und mich oft über die mangelnde Lichtstärke ärgerte. Die hohe Lichtstärke, der schnelle Autofokus und eine Abbildungsleistung gleichauf mit der eins 70-200L bei nur einem Drittel seines Preises überzeugten mich, dass ich dafür gern auf 100mm Brennweite und den Bildstabilisator verzichten würde. Diese Überzeugung ist bis heute geblieben. Gebraucht gekauft war es mit dem Verkauf des 70-300 auch als Student noch zu finanzieren und so konnte ich im Mai vor mittlerweile drei Jahren mein erstes L-Objektiv auspacken. Im Internet wird ja darüber gestritten, ob dieses rote “L” nun für Low Dispersion, Luxury oder einfach für “Lederbeutel im Lieferumfang enthalten” steht, aber ich muss zugeben, es verdient dieses Prädikat nicht zu unrecht: Der Lederbeutel ist sehr weich und macht einen wertigen Eindruck. Der Kauf eines so hochwertigen Lederbeutel hat sich auf jeden Fall… Quatsch, Spaß beiseite! ;-)

Die Eckdaten habe ich ja schon zur Genüge genannt: 200mm Festbrennweite, Lichtstärke f2.8 und für Kleinbildkameras geeignet. Das Frontgewinde misst eindrucksvolle 72mm und lässt die meisten Leute sofort an einen Paparazzo denken. Das Objektiv ist sehr solide, sehr scharf, der Autofokus sehr schnell und die Farbwidergabe ist sehr gut.  Wenn ich jetzt noch etwas mit “sehr” anfügen sollte, würde ich sagen: Es ist auch sehr gut ohne Bildstabilisator nutzbar. Anfangs hatte ich bei diesem Punkt bedenken, da ich den IS von meinem vorigen Objektiv gewohnt war, aber ich muss sagen, ich habe mittlerweile weniger verwackelte Fotos als vorher. Die zwei Blenden machen sich einfach sehr bezahlt. Wenn ich Nachteile aufzählen will, fällt mir eigentlich nur ein, dass es bei sehr starken Kontrasten in Kombination mit Offenblende ein paar Chromatische Aberrationen gibt. Das war’s dann aber auch schon. Natürlich muss man sich daran gewöhnen, seinen Fußzoom zu benutzen. Eine Festbrennweite in diesem Bereich ist schon ein wenig unflexibel, aber wenn man sich darauf einstellt, ist auch das eigentlich kein Problem. Wenn die Frage aufkommt, warum eine Festbrennweite, die nur dieselbe Lichtstärke, etwa diesselbe Abbildungsqualität und keinen Bildstabilisator hat, wenn es auch das EF 70-200 f2.8 L IS gibt, so muss man zugeben: Bei der Bildqualität gibt es wahrscheinlich keine besonders großen Unterschiede, die für den täglichen Gebrauch entscheidend wären. Das EF 200mm f2.8 L ist jedoch deutlich leichter, schwarz und kostet, wie eingangs erwähnt, gebraucht nur etwa 500 bis 600€, wogegen das EF 70-200mm f2.8 L IS schon etwa mit dem Dreifachen zu Buche schlägt. Wer natürlich Lust hat, die weiße Wundertüte herum zu schleppen, in düsteren Low Light-Situationen zu fotografieren und obendrein noch das nötige Kleingeld hat, wird mit dem Zoom die flexiblere Lösung erhalten.

Was kann man nun damit machen? Tierfotografie natürlich. Wobei 200mm hierfür oft schon ziemlich kurz sind. Ansonsten habe ich es gelegentlich noch für Landschaftsdetailaufnahmen verwendet. Die meisten Fotos entstanden aber im Sujet der Ganzkörperportraits. Durch die lange Brennweite ist es möglich, das Model vollkommen vom Hintergrund freizustellen und gleichzeitig die perspektivische Verzerrung zu vermeiden, die bei kurzen Brennweiten auftritt. Das EF 200mm macht sich dafür sehr gut, wobei man soviel Abstand halten muss, dass eine Kommunikation nur noch mit Schreien möglich ist – nicht für jedes Shooting ideal. Wichtig beim Umgang mit dem Objektiv ist – wie bei den meisten hochoffenen Optiken – das richtige Fokussieren zu lernen. Am Anfang hatte ich Sorge, es könnte einen Fehlfokus haben, aber wie ich bald feststellte, war ich einfach zu ungeschickt zum Zielen oder das  AF-Modul der Kamera wählte die Haare, statt die Augen als vorherrschenden Kontrast. An der EOS 400D bemerkte ich, dass Bilder im Modus AF Servo oft leicht unscharf waren, weil die Nachführung des Fokuspunktes kameraseitig so stark hin und her schwankte, dass die dünne Schärfeebene ständig vor und hinter das Motiv wanderte. Seitdem verwende ich fast nur noch den One Shot-Modus, selbst wenn ich damit langsamer bin.

Wenn ich eine Empfehlung geben sollte, so fiele diese unumwunden positiv aus. Das was das Objektiv können soll, kann es perfekt. Es ist zwar nicht so flexibel wie die verwandten Zooms, aber auf seiner Brennweite gibt es nichts zu meckern. Es liegt zwar preislich doch ein gutes Stück oberhalb der Einsteiger-Teles, aber im Vergleich zu den Premium-Linsen ist es ein echtes Schnäppchen. Wer also ein ausgezeichnetes Tele für relativ wenig Geld haben will, ist hier richtig aufgehoben.

Ich weiß, ich höre mich schon an wie ein übler Fan-Boy, aber das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb dieses Objektiv das Erste in meiner Kolumne ist, welches ich immernoch besitze. Ich mag es.

Und nun, wie es sich gehört, Bilder:

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