03.10
Ich mag Ruinen, sogenannte Lost Places. In Freiberg kenne ich fast alle nennenswerten Abrisshäuser – oder besser: ich kannte sie, denn mittlerweile sind die meisten von ihnen dem Bagger zum Opfer gefallen. In Leipzig habe ich schon das alte Interdruck-Gelände besucht und war auch schon zu einem Forentreffen in den Beelitzer Heilstätten.
Als ich diese Woche die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch in Zeititz erhielt, fiel mir beim Blick auf die Karte das Gelände des alten Militärflughafens Brandis-Polenz auf. Obwohl es ganz in der Nähe von Leipzig liegt, hatte ich zuvor noch nie etwas davon gehört. Eine schnelle Recherche ergab, dass der Flugplatz in den dreißiger Jahren als Blindflugschule erbaut und nach dem Krieg bis zur Wende von den sowjetischen Truppen genutzt wurde. Seit einigen Jahren steht auf dem Gelände zwischen den nördlichen und südlichen Rollfeldern ein großes Solarkraftwerk.
Eigentlich hatte ich ja vor, nach dem Gespräch nach Leipzig weiter zu fahren, aber als sich diese Pläne nicht verwirklichen ließen, bin ich auf dem Rückweg abgebogen, habe mir vom Zaun aus die endlosen Kollektorenreihen angeschaut und bin anschließend auf den die Anlage im Süden begrenzenden Wall gestiegen. Zu diesem Zeitpunkt fielen mir am anderen Ende des Kollektorenfeldes die riesigen Flugzeughallen auf. Meine Neugier war geweckt!
Es dauerte eine Weile, bis ich den offiziellen Eingang fand und nach einer kurzen Runde mit dem Auto über das Gelände habe ich es wieder außen am Eingang abgestellt. Dieser war mit einer sehr solide aussehenden Schranke versehen und ich hatte keine Lust, später am Abend wieder hinaus fahren zu wollen und dann vor dem verschlossene Tor zu stehen, weil jemand dachte, er sei der Letzte. Von da an ging es zu Fuß über das Gelände, vorbei an den Wohnhäusern und Plattenbauten, welche meist um einen Luftschutzbunker herum errichtet wurden, bis hin zu den Hangargebäuden, die ich vom Wall aus gesehen hatte. Besonders beeindruckend war neben diesen auch der Befehlsstand. Allerdings habe ich ihn mir nur von außen angesehen, da ich Ruinen nur in Begleitung betrete. Es kann ja doch immer etwas passieren.
Zum Schluss habe ich noch einen Abstecher zum nördlichen Wohnareal gemacht. Auf dem Rückweg begegnete ich noch einer Gruppe überraschter Rehe, die nicht mit meiner Anwesenheit gerechnet hatten und aufgeschreckt ins Unterholz verschwanden. Nach insgesamt zweieinhalb Stunden, die ich in Anzug und Lackschuhen durch Ruinen und auf Schuttberge gestiegen bin, trat ich dann zufrieden den Heimweg an. Das war mal wieder ein Erlebnis, was mir gezeigt hat, wieviel Abenteuer direkt vor der Haustür liegen kann.
Nahe diesem Revier bin ich geboren und so war mindestens einmal in der Woche der Flugplatz unser “Jungsziel”. Manchmal schimpften sie, wenn wir auf den Zaun kletterten um das Starten und Landen besser sehen zu können und andererseits winkten sie auch zurück aus der schwerfälligen177 und eine 109 wackelte sogar mit den Flügeln – wodurch uns dies alles ziemlich vertraut wurde. An den schlimmen Krieg haben wir dabei nicht gedacht.